Heirat im Zug

Bahnhof Guangzhou

Schneekatastrophe vor Chinese New Year
Unsere Tochter rief uns am Flughafen, kurz vor dem Abflug nach Deutschland, an und fragte, ob wir ueberhaupt kommen. "Warum nicht?" "Weil in Deutschland in der Zeitung steht, dass in Guangzhou wegen Schnee keine Fluege mehr gehen!"
Am naechsten Tag brachte sie uns den Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen ins Allgaeu mit.

Guangzhou hat ein subtropisches Klima, d.h. die Winter werden zwar kalt, aber die Temperaturen erreichen nie 0°C. Was also hatte das Schneechaos vor Chinese New Year mit Guangzhou zu tun?
Der Schnee selbst, der bereits in den noerdlich angrenzenden Provinzen Hunan und Jiangxi fuer katastrophale Zustaende sorgte, war es nicht, der Guangzhou in die Schlagzeilen brachte. Wegen Regen und Schnee fielen die Stromnetze mehrerer Hauptlinien wie z.B. der Beijing-Guangzhou-Linie in der Provinz
Hunan aus. Daher blieben die stromtreibenden Zuege auf offener Strecke stehen. Viele Zuege waren verspaetet oder fuhren erst gar nicht mehr. Elf Flughaefen wurden in China wegen Schnee und Eis geschlossen, jedoch nicht in Guangzhou. Die Transporte von Kohle und Lebensmittel und damit die Versorgung der Menschen mit Energie und Nahrung stockten.
Die Zahl der Wartenden auf dem Guangzhouer Bahnhof stieg von 200.000 auf 1,4 Millionen. Das muss man sich mal bildlich vorstellen!
Auf den Strassen von Guangzhou sah man Menschenmassen soweit das Auge reichte. Alle schwarz gekleidet und schwer bepackt.
Die Behoerden forderten Universitaeten und oeffentliche Einrichtungen auf, zur Versorgung und Unterbringung der Gestrandeten beizutragen.
Es wurden Notunterkuenfte, Toiletten und Essenstaende eingerichtet und an einem Tag ueber 100 Tonnen Muell produziert.
Die Menschen froren bei Temperaturen um die 4°C und hatten Hunger. Bewaffnete Einheiten der Polizei mussten fuer Ruhe und Ordnung sorgen.
Ministerpraesident Wen Jiabao sprach vor dem Guangzhouer Bahnhof zu den Menschenmassen und versprach alles zu tun, die Zustaende in den Griff zu bekommen.
Die Preise fuer Reis und Gemuese schossen in die Hoehe, da in einigen Regionen diese Grundnahrungsmittel knapp wurden.
Die Hotels entlang der Nord-Suedverbindung erhoehten ihre Preise, die Regierung drohte ihnen mit Strafe.
Die Medien sprachen von der schwersten Kaeltewelle seit 50 Jahren.
Die Regierung forderte aufgrund der anhaltenden Katastrophe von den Wartenden den Verzicht auf die Neujahrsreise. Der Appell an die vielen Wanderarbeiter, das Fest nicht wie sonst ueblich mit ihren Familien zu feiern, trug zunaechst keine Fruechte. Das ganze Jahr ueber ist es oft der einzige Lichtblick fuer die Wanderarbeiter, dass sie zum Neujahrsfest Frau und Kind wiedersehen. Die Unternehmer wurden von den Behoerden aufgefordert, die ueber die Feiertage geschlossenen Schlafsaaele kostenfrei wieder zu oeffnen.
Nach drei Tagen im eisigen Bus brachte eine Chinesin ein Baby zur Welt. Solange hatte sie frierend ausgeharrt, bis ein Krankenwagen sie in ein Krankenhaus zur Entbindung brachte. Der kleine Junge heisst "Zhongsheng" (in der Menge geboren).
Ein junges Paearchen, unterwegs zur Hochzeit nach Hause, beschloss nach einem 5taegigen Aufenthalt auf dem Bahnhof Guangzhou, im Zug zu heiraten. Der Termin in ihrer Heimatstadt konnte nicht verschoben werden. Die Angehoerigen feierten ohne sie.

Das chinesische Neujahrsfest loest jaehrlich eine ca. 14taegige inlaendische Reisewelle aus, die unter normalen Wetterbedingungen schon eine logistische Meisterleistung darstellt. In diesem Jahr rechnete das chinesische Bahnministerium waehrend dieser Zeit mit 178,6 Millionen Passagieren.
In Guangzhou leben ca. 3,5 Millionen Wanderarbeiter, von den die meisten ihren gesamten Jahresurlaub fuer die Heimreise zu ihrer Familie aufsparen.
Damit nicht alle gleichzeitig reisen, hat die Regierung die erste Maiwoche als Urlaubswoche ab diesem Jahr gestrichen, allerdings schon vor dem Chaos zu Chinese New Year. Es bleiben eine Woche zum Neujahrsfest und eine weitere in der ersten Oktoberwoche. Die restlichen Uralubstage duerfen nun waehrend des Jahres genommen werden.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisierte, dass es den Wanderarbeitern nicht erlaubt ist, Frau und Kind mit in die neue Stadt zu bringen. Das stimmt nicht! Natuerlich koennen sie ihre Familie mitnehmen. Doch wer finanziert die teueren Wohnungen in den Staedten? Dafuer reicht ihr Geld nicht aus. Sie arbeiten ja nicht nur, um selbst zu leben, sondern muessen groesstenteils ihre Grossfamilien noch finanziell unterstuetzen. Ausserdem arbeiten in China in der Regel nicht nur die Maenner, sondern auch die Frauen, d.h. viele Kinder bleiben bei den Grosseltern auf dem Lande.

Januar/Februar 2008

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